Veränderung und Wandel begleiten die Kommunalpolitik - Gedenkstätte mit erschüt­ternden Dokumenten - Fuchs und Hase zwischen den Schießbahnen

Im Mittelpunkt der Tagesfahrt der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen am 18. Mai 2011 stand ein Besuch beim Landkreis Celle und in Bergen-Belsen, dem historischen Ort und der Gedenkstätte, wo an die 70 000 Opfer des Nationalsozialismus und der verstorbenen so­wjetischen Kriegsgefangenen des letzten Weltkriegs würdevoll erinnert wird. Rund 30 Mit­glieder und Gäste hatten sich am frühen Vormittag, nach mühsamer Orientierung, in der Kreisverwaltung, An der Trift 26, in der alten Herzogstadt Celle eingefunden, wo sie vom Landrat Klaus Wiswe empfangen wurden. Er ließ es sich nicht nehmen, die niedersächsischen Parlamentarier, die durchweg auch Kommunalpolitiker sind oder waren, „seinen“ Landkreis als einen der Vorzugskreise des Landes darzustellen. Und er tat es nicht ohne Grund. Mit be­rechtigtem Stolz wies der Landrat darauf hin, dass der Landkreis Celle im vergangenen Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiern konnte und sich in dieser Zeit nach dem Inkrafttreten der Preußischen Kreisordnung für die Provinz Hannover 1885 von einem Verwaltungsbezirk aus den früheren Ämtern Celle und Bergen sowie acht Ortschaften des ehemaligen Amtes Mei­nersen zu einer modernen kommunalen Verwaltungsinstitution entwickelt hat.

„Zukunft gestalten - Bewährtes erhalten!“ - so lautete der Wahlspruch des Landkreises Celle, sagte der Landrat. Er deutete damit an, dass Veränderung und Wandel die Kommunalpolitik begleiten. Sie seien eine stete Herausforderung an die Kreistagsabgeordneten und an die Kreisverwaltung, selbstbewusst zu agieren und mutig die Initiative zu ergreifen, damit die Zukunft gelingt. Nach dem Jahrhundert-Jubiläum habe der Landkreis Celle in den vergange­nen 25 Jahren den Wandel aktiv gestaltet und sei oft Vorbild gewesen. Als Beispiele nannte Klaus Wiswe die mustergültige Einführung der „doppischen Haushaltsführung“ oder den sehr frühen flächendeckenden Einsatz der Elektronischen Daten-Verarbeitung (EDV) mit dem „Celler Modell“, das den Kreisgemeinden einen besonderen EDV-Service anbietet. Damit setzte der Landkreis die Idee, die Kfz-Anmeldung auf Computer umzusteuern, nicht nur mit einem System um, das bisher nur einige Großstädte praktizierten, sondern er erarbeitete auch Anwendungsmöglichkeiten für den Landkreis, die bundesweit von vielen Kreisverwaltungen übernommen wurden. Eine Vorreiterrolle spielte der Landkreis Celle auch beim Angebot zum flächendeckenden Ausbau von DSL-Anschlüssen, so dass die Internetversorgung für den größten Teil der Bevölkerung gegeben war. Im Übrigen sei, sagte Landrat Wiswe, die gelebte Vielfalt von Familie, Kirchengemeinden, Schulen, Feuerwehr, Vereinen, gemeinnützigen Or­ganisationen und kulturellen Einrichtungen der Schwerpunkt der Aufgaben für die Kreisver­waltung in dem heute knapp 180 000 Einwohner zählenden Landkreis Celle, der im Süden von Industrie und Landwirtschaft und im Norden von Wald und Heideflächen geprägt ist. Ein Kuriosum soll noch erwähnt werden: Eines der ganz wenigen gemeindefreien Gebiete Deutschlands liegt im Landkreis Celle: Der „gemeindefreie Bezirk Lohheide“. Historisch be­dingt durch den ehemaligen, 1935 angelegten, Truppenübungsplatz der deutschen Wehrmacht vor dem letzten Weltkrieg ist es heute „bundesunmittelbares Verwaltungsgebiet“.

Selbst der frühere niedersächsische Ministerpräsident und heutige Bundespräsident Christian Wulff zollte dem Landkreis Celle großes Lob, wie Landrat Wiswe stolz erklärte. „Der Land­kreis Celle ist für das Aufblühen der kommunalen Selbstverwaltung seit dem zweiten Welt­krieg und für die Stärke des neuen Kommunalverfassungsmodells ein schönes Beispiel, denn die zahlreichen Herausforderungen, die sich infolge des tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels der letzten Jahrzehnte ergeben haben, hat er stets mit Erfolg bewäl­tigt“, hatte ihm 'Christian Wulff ins Stammbuch geschrieben.

In der Gedenkstätte Bergen-Belsen

Nach einem köstlichen typisch ländlichen Mittagessen mit viel Spargel und Schnitzel im Landhotel Michaelishof in Offen, nur einen Steinwurf entfernt vom Anwesen des früheren FDP-Landtagsfraktionsvorsitzenden und jetzigen Beisitzers der Parlamentarischen Vereini­gung Niedersachsen, Martin Hildebrandt, ging es im Omnibus weiter nach Bergen-Belsen. In Lohheide wurde die Reisegesellschaft vom Leiter der Gedenkstätte, Dr. Habbo Knoch, emp­fangen. Er gab den niedersächsischen Parlamentariern eine eingehende Schilderung dieses internationalen Erinnerungsortes, in dem zwischen 1941 und 1945 etwa 70 000 Menschen in Kriegsgefangenen- und Konzentrationslagern umgekommen sind.

Auf dem 1935 mit dem Wiederaufbau der deutschen Wehrmacht für die Ausbildung der Pan­zertruppen in der Lüneburger Heide eingerichteten Truppenübungsplatz Bergen wurde 1939 nach dem Einmarsch der deutschen Soldaten in Polen das erste „Kriegsgefangenen- Mannschafts-Stammlager“ (Stalag) mit dem Barackenlager bei Fallingbostel für polnische Kriegsgefangene eingerichtet. Im Sommer 1940 folgten nach dem Krieg im Westen und der Niederlage der Alliierten französische und belgische Kriegsgefangene. Nach dem Russland­feldzug 1941 wurde ein eigenes „Stalag“ für sowjetische Kriegsgefangene im ehemaligen Bauarbeiterlager Bergen-Belsen eingerichtet. Dieses „Russenlager“ sollte zur Aufnahme von 20.000 gefangenen Soldaten der Roten Armee dienen. Bald darauf entstanden in der näheren Umgebung in Oerbke und Wietzendorf weitere so genannte „Russenlager“. Von rund 500.000 zum Arbeitseinsatz nach Deutschland verschickten sowjetischen Kriegsgefangenen kamen etwa 91.000 in die Lager in der Lüneburger Heide. Fast 20.000, meistens Sowjet-Soldaten, starben und wurden in Massengräbern auf dem Lagerfriedhof einen Kilometer entfernt beige­setzt.

1943 trat die Wehrmachtverwaltung den südlichen Teil des Lagergeländes an die SS ab, die dort zunächst ein „Austauschlager“ für jüdische Häftlinge einrichtete, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. Aus der Lagerchronik geht hervor, dass ein Transport mit 222 Juden Ende Juni 1944 das Austauschlager des KZ Bergen-Belsen in Rich­tung Palästina verlassen hat, und dass insgesamt bis April 1945 etwa 2.500 Austauschhäftlin­ge in die Freiheit gelangten.

Im Laufe der Kriegsjahre kamen ab 1943 immer mehr Transporte durchweg mit Juden aus Polen und anderen europäischen Ländern im KZ Bergen-Belsen an, Ende 1944 nach der Nie­derschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto auch Soldatinnen und Offiziere der polni­schen Heimatarmee als Kriegsgefangene. Ab Ende 1944 wurden im Zuge der Räumung front­naher Konzentrationslager mindestens 85.000 Häftlinge nach Bergen-Belsen transportiert.

Am 15. April 1945 erreichten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Aus der Chronik geht hervor, dass sie etwa 53.000 Häftlinge befreien konnten und dass von 1943 bis 1945 mindestens 52.000 Frauen, Männer und Kinder umgekommen sind; dazu seien im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen von 1940 bis 1945 mindestens 19.700 Menschen ge­storben. Mehr als 20.000 Opfer wurden im April/Mai 1945 in Massengräbern bestattet und knapp 29.000 Überlebende in ein von den Briten eingerichtetes Nothospital in den ehemaligen Wehrmachtskasernen eingeliefert. Sie erhielten den Status von „Displaced Persons“ (DP). Danach brannten die Briten die meisten Holzbaracken zur Seuchenabwehr nieder. Das Nothospital wurde zum „Displaced Persons Camp“ umgewandelt und aufgeteilt in ein polni­sches und ein jüdisches DP-Camp. Nachdem im Herbst 1945 die meisten DPs aus Nord-, West- und Südeuropa in ihre Heimatländer repatriiert waren und die sowjetischen Überleben­den auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht zwangsweise zurückgeführt worden waren, wurde im Sommer 1946 das polnische DP-Camp aufgelöst, nur das jüdische DP-Camp blieb als größtes im Nachkriegsdeutschland bestehen.

Schon 1945 ordnete die britische Militärregierung die Errichtung eines Gedenkortes in Bergen-Belsen an, und 1952 wurde die Gedenkstätte mit einem zentralen Mahnmal eingeweiht. Seit 1966 informieren Ausstellungen über die Geschichte des Konzentrationslagers Bergen- Belsen und seit 1990 mit der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung im erweiterten Dokumentenhaus auch über das Kriegsgefangenenlager. Schließlich hat die Stiftung niedersächsi­sche Gedenkstätten mit finanzieller Unterstützung des Bundes und des Landes Niedersachsen ein neues Dokumentenzentrum errichtet, das im Oktober 2007 eröffnet worden ist.

Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten machte vieles möglich Mit der einstimmigen Verabschiedung des Gesetzes zur Gründung der Stiftung niedersächsi­sche Gedenkstätten als Stiftung öffentlichen Rechts am 18. November 2004 im Niedersächsi­schen Landtag wurde in neues Kapitel für Bergen-Belsen aufgeschlagen. In der Begründung hieß es, die Stiftung verbindet staatliche Verantwortung und bürgerschaftliches Engagement für die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus und die Erinnerung an seine Opfer in Niedersachsen. Sie ist Trägerin der Gedenkstätten Bergen-Belsen und der Strafan­stalt Wolfenbüttel und zuständig für die Förderung des bundesweit einmalig dichten Netzwer­kes von Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen in Niedersachsen.

In den ersten Jahren der Stiftung stand die Neugestaltung der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Mittelpunkt ihrer Arbeit, die ihre Krönung mit der Eröffnung eines Dokumentenzentrums mit neuen Dauerausstellungen zu den Themenkomplexen Kriegsgefangenenlager, Konzentrati­onslager und Displaced Persons Camps fand. Die Ausstellungen setzen auf die Wirkung histo­rischer Zeugnisse. Mit Texten, Fotografien, Dokumenten, Gegenständen und Ausschnitten aus zahlreichen lebensgeschichtlichen Videointerviews mit Überlebenden werden die Besucher über die tragische Geschichte des historischen Ortes Bergen-Belsen informiert. Davon konn­ten sich auch die niedersächsischen Parlamentarier überzeugen, die nach diesen Einführungen in aller Ruhe und Muße auf eigene Faust die Ausstellungen besichtigen konnten.

In der Feuerpause durch das Biotop Truppenübungsplatz

Den Abschluss der Tagesreise der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen bildete eine zweistündige Busfahrt während einer Feuerpause der übenden Soldaten kreuz und quer durch das riesige Areal des Truppenübungsplatzes in der Lüneburger Heide unter der fachkundigen Führung von Forstdirektor Bühler. Von ihm erfuhren die Gäste, dass dieser Übungsplatz, der als größter in Westeuropa gilt, auch forstwirtschaftlich genutzt, gehegt und gepflegt wird. Unter der Zuständigkeit des Bundesforstamtes wurde das riesige Gebiet in drei Forstreviere eingeteilt, deren Leiter sich um den Holzeinschlag und -verkauf ebenso kümmern wie um

Neuanpflanzungen und Schonungen, um die Jagd ebenso wie um den Nachwuchs des großen Wildbestandes. Denn trotz des seit Jahrzehnten anhaltenden Gedröhnes der Panzer und des Trommelfeuers der Geschütze - seit 1958 besteht hier der NATO-Schießplatz Bergen-Hohne - hat sich ein außerordentlich reichhaltiges Biotop entwickelt, wie es in der „zivilen“ Welt anderswo kaum zu finden ist. Hier sagen sich Fuchs und Hase tatsächlich noch „Gute Nacht“.