Die Parlamentarische Vereinigung Niedersachsen e.V. auf Reisen zwischen Kommunalpolitik, Technik und Kultur

Die diesjährige Tagesfahrt der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen e.V. am 13. Juni 2012 führte in die Metropolregion Hildesheim mit den Schwerpunkten Kommunalpolitik, Wirtschaft und Technik bei den Bosch­Werken und Kultur beim Fagus-Werk und UNESCO-Weltkulturerbe in Alfeld. Über 30 Teilnehmer, Mitglieder und Partner, erlebten unter der Führung und Organisation des Vorsitzenden Ulrich Biel, des Geschäftsführers Udo Mientus und Sabine Sonntag von der Geschäftsstelle einen sehr ereignisreichen, inte­ressantem und informativen Tag. Am Vormittag wurde die Reisegesellschaft vom Landrat des Landkreises Hildesheim, Reiner Wegner, im Kreishaus in Hil­desheim empfangen. Stolz erzählte der Kommunalpolitiker, dass sich der Land­kreis Hildesheim nach der vor genau 35 Jahren mit der Kreisreform erfolgten Zusammenlegung der Kreise Hildesheim und Alfeld nach einer bundesweiten Studie zu der gründerfreundlichsten Region Deutschlands entwickelt habe. Die "Creditreform" habe sie mit der Note 2 eingestuft. Dank der Wirtschaftsförde­rungsgesellschaft Hildesheim Region GmbH, in der der Landkreis, alle 19 Städte und Gemeinden im Kreisgebiet, die vier im Landkreis tätigen Volksbanken und die Sparkasse Hildesheim zusammengeschlossen sind, gab es in Industrie, Han­del, Handwerk und Dienstleistungsunternehmen vorwiegend des Mittelstands beste Wachstums- und Existenzgründungsbedingungen und so gut wie keine Insolvenzen. So kommen auch keine Investoren von außen, sondern aus der eigenen Region. Das Erfolgsgeheiminis sei das Orientieren und Handeln am tat­sächlichen Bedarf: "Wir folgen nicht jedem Modetrend und treiben nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf", sagte Landrat Wegner.

Am Beispiel der seit über 70 Jahren im Hildesheimer Wald angesiedelten Bosch-Werke konnte sich die Reisegesellschaft der Parlamentarier nicht nur über ein delikates Mittagessen freuen, sondern sich auch über weltweite Ent- wicklungs- und Fertigungskonzepte für intelligente Lösungen von moderner Fahrzeugelektronik und integrierte Systeme von automobilgerechten Anwen­dungen informieren. So erfuhren die Besucher, dass das Bosch-Werk für Starter und Generatoren mit seinen 1.500 Mitarbeitern die weltweite Leitwerkfunktion für modernste Starter-Produktion hat und für die Großserienfertigung elektri­scher Lenkmotoren zuständig ist. Im neuen Geschäftsbereich "Car Multimedia" staunten die Gäste über innovative und weltweit einsetzbare Infotainment­Systeme für den Automobilmarkt oder spezielle multifunktionale Autoradios und Navigationssysteme. Interessant war vor allem auch die Besichtigung jener elektrischen Maschinen, die seit dem Frühjahr 2010 im Serienanlauf in den An­triebsstrang von Hybridfahrzeugen verschiedener Automobilhersteller inte­griert sind sowie das zur Serienreife entwickelte Start/Stopp-System, das den Verbrennungsmotor bei stehendem Fahrzeug im Stau oder vor Ampeln ab­schaltet und beim "Gasgeben" automatisch einschaltet.

Nach so viel außerordentlich interessanter Technik und "Zukunftsmusik" ging es zum "lebenden Denkmal UNESCO-Welterbe Fagus-Werk" nach Alfeld. Die Fabrikanlage gilt als Ursprungswerk der modernen Industriearchitektur. 1911 hatte der Industrielle Carl Benscheidt den damals nicht mal 30 Jahre alten Ar­chitekten Walter Gropius beauftragt, eine Schuhleisten-Fabrik in Alfeld zu bau­en.

Mit der Konstruktion aus Glas und Stahl und den stützenlosen, vollständig verglasten Ecken, die zum Markenzeichen des "Neuen Bauens" wurden, verlieh Gropius dem dreistöckigen Fassadengebäude seine schwerelose Eleganz, die damals für Fabrikgebäude außergewöhnlich war. Das Alfelder Fagus-Werk ver­anschaulicht die revolutionierenden Ideen von Walter Gropius. Er prägte mit seinem Erstlingswerk eine neue Stilrichtung und ebnete damit der Architektur der Moderne den Weg. Während das Lagerhaus ein solider Steinbau war, schaffte die Werkstatt durch große Glasfronten eine helle und somit zum Ar­beiten optimale Umgebung. Gropius's Architektur mit stützfreien Ecken, die nur mit Glas verhängt sind, markieren den Beginn der modernen Skelettbau­weise, erklärte Karl Schünemann, seit Jahrzehnten Fotograf und Kommunikati­onschef des Fagus-Werks, den beeindruckten Besuchern. Der Name der Fabrik leitet sich übrigens aus dem lateinischen Wort "Fagus" für Buche bzw. Buchen­holz ab, aus dem bis zum Umstieg auf Kunststoffe in den 1970-er Jahren hier die Schuhleisten hergestellt wurden. Das Fabrikgebäude wurde am 25. Juni 2011 als weltweit einzigartiges lebendes Denkmal zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt. Als Ursprungsbau der Moderne geltend, werden im Fagus-Werk heute noch, auch im Jahr des 100. Jubiläums, neben GreCon-Mess- und -Brandschutz- systemen sowie -Keilzinkenanlagen Fagus-Schuhleisten produziert. Ein mehr­stöckiges Museum bietet einen außerordentlich interessanten Einblick in die hundertjährige Geschichte der weltbekannten Alfelder Schuhleisten, und ein neues Besucherzentrum lockt viele Gäste aus dem In- und Ausland an. Das Fa- gus-Werk, das schon zur EXPO 2000 in Hannover als externer Ausstellungsmag­net viele Besucher angezogen hat, ist in zwischen zu einem weit über die Gren­zen der Stadt hinaus zu einem kulturellen Anziehungspunkt geworden. Zur För­derung und Unterstützung kultureller Veranstaltungen im Fagus-Werk wurde im Dezember 2011 der "Verein der Freunde und Förderer des Weltkulturerbes Fagus-Werk" gegründet, um die seit vielen Jahren laufenden Kulturveranstal­tungen mit Kunstausstellungen, Konzerten, Sonderausstellungen, Vorträgen, UNESCO-Veranstaltungen, Vorlesungen oder Führungen, teils während der lau­fenden Produktion im Gropius-Bau, zu organisieren.

"Die Reise hat sich wieder einmal gelohnt", war das einmütige Urteil der Teil­nehmer nach der Rückkehr von einer Informations- und Besichtigungstour mit vielen außerordentlich interessanten Eindrücken und neuen Erfahrungen.