Vergangenheit - Politik - Kultur in Breslau - Deutsch-polnische Beziehungen noch auf dünnem Eis - Interessante Gespräche, viele neue Eindrücke und harmonisches Miteinander der Reisegesellschaft

Die diesjährige Auslandsreise der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen führte in die niedersächsische Patenprovinz Schlesien. Vom 29. September bis 3.Oktober 2008 reisten 40 Teilnehmer unter Führung des Vorsitzenden Ulrich Biel und des „Reisemarschalls“ Udo Mientus, des gebürtigen Oberschlesiers, in die polnische Wojewodschaft Niederschlesien mit der Hauptstadt Breslau. Hier wollten die Niedersachsen nicht nur Land und Leute kennen lernen, sondern auch die in den letzten Jahren wegen der oft wechselnden polnischen Regierungen vernachlässigte Patenschaft und Freundschaft wiederbeleben. Mit dem Potsdamer Abkommen von 1945 hatten die Siegermächte nach dem letzten Weltkrieg Polen um ein Drittel nach Westen „verschoben“. Aus Ostpreußen, Pommern, Ober- und Niederschlesien wurden die Deutschen vertrieben. Die Oder-Neiße-Linie bildete nun die Westgrenze Polens. In das frei gewordene Land wurden die polnischen Familien umgesiedelt, die ihre Heimat im Ostteil ihres Landes verlassen mussten, weil dieser von der Sowjetunion beansprucht und okkupiert wurde. Auch wenn sich die Lage der rund 300.000 verbliebenen Deutschen fast 20 Jahre nach der Wende und nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa und in der Sowjetunion immer mehr normalisiert hat, befinden sich die deutsch-polnischen Beziehungen, wie der deutsche Generalkonsul Dr. Helmut Schöps in Breslau sagte, noch „auf dünnem Eis“.

Politik und Kultur standen im Mittelpunkt dieser Reise der niedersächsischen Parlamentarier und ihrer Begleitung, die aus allen Teilen des Landes gekommen waren. Sie war wiederum außerordentlich interessant, verlief sehr harmonisch und hinterließ bei den Teilnehmern bleibende Eindrücke.

Selbst für Frühaufsteher war es eine harte Sache, als der bequeme Bus mit seinem erfahrenen und außerordentlich umsichtigen Fahrer „Dieter“ pünktlich um 6.30 Uhr beim Reisedienst Rinder in Barsinghausen mit den ersten Gästen startete, um 7.30 Uhr vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover das Groß der Reisegesellschaft aufnahm und bald darauf an der Autobahn A 2 bei der Raststätte Zweidorfer Holz die letzten Teilnehmer zustiegen. Es gab ein großes Hallo und große Freude bei der Begrüßung. Die meisten Mitfahrer kannten sich natürlich, aus dem Parlament, oder von vorhergehenden Reisen. So bestand gleich eine vertraute und sehr freundschaftliche, geradezu familiäre Atmosphäre, die bis zum Ende der Reise anhielt.

Als der Bus endlich komplett war und jeder „seinen“ Platz gefunden hatte, als die umsichtige, immer freundliche Reisebegleiterin Sabine Sonntag die Reihen durchgezählt und die Vollständigkeit festgestellt hatte - was sie übrigens während der gesamten Reise in ständiger Regelmäßigkeit nach jedem Einsteigen tat -, ging es auf die fast zehnstündige Fahrt Richtung Osten, flott und ohne Stau auf der Autobahn über Magdeburg - Halle - Leipzig - Dresden und auf Bundesstraßen weiter bis zur deutsch-polnischen „Grenze“ bei Zittau. Gegen 14.30 Uhr war der Bus schon auf polnischem Gebiet, und keiner hatte es gemerkt. Es gab weder Pass- noch sonstige Kontrolle. Nur eine riesige Baustelle wies daraufhin, dass hier einmal eine große Autobahnkreuzung entstehen soll. Auf polnischen Landstraßen ging es weiter über Liegnitz nach Breslau. Und dort passierte es, was sicher alle Reiseteilnehmer als fast traumatische Erinnerung an Breslau mit nach Haus genommen haben: Stau, Stau, Stau. Etwa eineinhalb Stunden quälte sich der Bus durch die engen Straßen, Gassen und Plätze der Halb- Millionen-Stadt. Später erfuhr man, dass es in Breslau bei 640 000 Einwohnern über 300 000 Autos geben soll. Müde, aber doch wohlbehalten und froh, endlich am Ziel zu sein, erreichte die Reisegesellschaft das Hotel „Park Plaza“, eines der besten in der Stadt, mit „westlichem“ Standard. Beim gemeinsamen Abendessen und danach bei Bier und erstem Wodka wurden Begrüßung gefeiert, Freundschaften aufgefrischt und alte Erinnerungen an frühere Fahrten ausgetauscht. Und dabei gab es schon die obligatorische „Grüppchenbildung“. Es scheint eine Eigenart der Niedersachsen zu sein, zunächst sich mit seinesgleichen zu umgeben und erst allmählich sich mit „Fremden“ anzufreunden und neue Freundschaften zu schließen..

Der Generalkonsul gab den ersten Einblick

Der erste „Arbeitstag“ begann mit einem Besuch beim deutschen Generalkonsul Dr. Helmut Schöps. Er residiert in einer 1898 erbauten großen ehemaligen Bürgervilla, die zunächst der Breslauer Familie von Haase gehörte und dann eine wechselvolle Geschichte durchmachte, bis sie 1956 nach dem Görlitzer Vertrag mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch die DDR zu deren Generalskonsulat wurde. Die niedersächsische Reisegruppe bekam hier einen außerordentlich instruktiven Einblick in die derzeitige Situation in Niederschlesien und Breslau, in Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Zeitgeschehen.

Der Bereich des Generalkonsulat umfasst fünf von 16 polnischen Wojewodschaften mit einem Drittel der Bevölkerung und einem Viertel der Fläche des Landes. Sechs Tage zuvor war Bundeskanzlerin Angela Merkel in Breslau, um die Ehrendoktorwürde der Universität entgegenzunehmen, zwei Tage später machte der neue sächsische Ministerpräsident Tillich seinen Antrittsbesuch, und zwischendurch kamen die niedersächsischen Parlamentarier. Sie alle erhielten aktuelle politische Informationen aus erster Hand. Sie erfuhren z.B., dass vor der „Wende“ von 1989 und dann nach den „schweren Zeiten“ unter den Kaschinsky-Brüdern von 2005 bis 2007 die heutige polnische Regierung die mit dem zweiten Weltkrieg zusammenhängenden Probleme der Deutschen in Polen gelassener und entkrampfter ansieht, dass es immer noch eine der großen Aufgaben ist, die historischen Altlasten nach und nach abzutragen, und dass die deutsch-polnischen Beziehungen immer noch nur eine dünne Basis haben.

In der Stadt Breslau, die Ende des letzten Krieges zur „Festung“ erklärt worden war, in der Tausende deutsche Soldaten fielen, die zu 75 Prozent zerstört worden ist, leben heute einige Tausend der etwa 10.000 Deutschen in Niederschlesien. Insgesamt wird die deutsche Minderheit in Polen auf 300.000 bis 400.000 Personen geschätzt, die seit 2005 unter dem Gesetz für Minderheiten leben und deren Minderheitsvereinigungen vom Generalkonsulat unterstützt werden. Besonders werden nach dem deutsch-polnischen Freundschaftsvertrag von 1990 auch die Patenschaften wieder gefördert. Sie hatten unter den personellen Fluktuationen, auf beiden Seiten, stark gelitten. Am besten waren noch die partnerschaftlichen Beziehungen von Niedersachsen mit Posen (Poznan) in der Wojewodschaft Großpolen, wo niedersächsische Ministerpräsidenten mehrfach zu Besuch waren. Auch die Verleihung des Kulturpreises Schlesien kürzlich in Liegnitz war ein ermunterndes Zeichen. Ulrich Biel, der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen, versprach, nach diesem Besuch in Breslau sich mit der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen erneut für eine stärkere Belebung einzusetzen. Generalkonsul Dr. Schöps sagte: „Ihr Landtagspräsident könnte sich ruhig mal in Breslau anmelden. Er ist uns jederzeit herzlich willkommen, wir hätten vielen zu besprechen.“

Erstaunen über Wirtschaft und Kultur

Mit Erstaunen vernahmen die Niedersachsen den wirtschaftlichen Aufschwung in Polen, besonders seit dem Beitritt zur Europäischen Union, die 67 Milliarden Euro ins Land gepumpt hat, von denen 1,4 Milliarden Euro für Niederschlesien übrig geblieben waren. Allerdings sind gerade hier viele deutsche Firmen am wirtschaftlichen Aufschwung stark beteiligt. Die Investitionen vor allem der mittelständischen Betriebe werden mit zwei Milliarden Euro angegeben. Niederschlesien wird als die dynamischste Region bezeichnet, nach Warschau und dem „polnischen Ruhrgebiet“ Oberschlesien. In Breslau herrscht bei einem realen Wachstum von sechs bis sieben Prozent und bei zwei bis drei Prozent Arbeitslosigkeit praktisch Vollbeschäftigung. Dabei wandern viele, gerade junge Polen nach Deutschland aus, weil sie hier dreimal so viel verdienen wie in Polen, obwohl die Lohnsteigerungen bis zu zehn Prozent, bei einer Inflationsraten von etwa fünf Prozent, betragen, sagte der Generalkonsul. Ganz dringend werden Facharbeiter gesucht. Maurer verdienen in Polen mehr als Lehrer.

Auf kulturellem Gebiet gibt es in Polen ein großes deutsches kulturelles Erbe - „mit riesigen Aufgaben, aber beschränkten Mitteln“. Bis zur Wende 1989 wurde alles vernachlässigt und verkam. Obwohl gerade Polen ein Meister der Restauration in ganz Europa ist, gibt es hier noch einen immensen Nachholbedarf zur Wiederherstellung von Gebäuden, Kirchen, Universitäten, Krankenhäusern und vielen anderen Einrichtungen. Nachdem seit 1989 der Gebrauch der seit dem Kriegsende und der polnischen Besetzung Schlesiens jahrzehntelang verbotenen deutschen Sprache wieder erlaubt ist, werden deutsche Lehrer für den deutschen Sprachunterricht in Schlesien dringend gesucht. Schon jetzt wollen 2,6 Millionen junge Polen in Schulen und Universitäten Deutsch lernen, das nach Englisch die am meisten nachgefragte Sprache ist. Übrigens, aktuell ist auch das Interesse am deutschen Fußball in Polen, wo 2012 die nächste Europameisterschaft stattfindet. Dazu braucht man die Erfahrungen von der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Breslau - restaurierte Innenstadt und viele Staus

Was der Generalkonsul am Vormittag in der „Theorie“ verkündete, konnten die Niedersachsen am Nachmittag bei der ersten Stadtführung durch Breslau in der „Praxis“ erleben. Viel ist inzwischen schon in der zu 75 Prozent im letzten Krieg zerstörten Stadt wieder aufgebaut, vieles originalgetreu restauriert worden. Das sah man besonders in der Altstadt, am Ring, am Rathausplatz, wo viele frühere gotische Bürgerhäuser im alten Glanz erstrahlen, oder wo die romanisch-gotische Kirche auf der Dom-Insel die Visitenkarte der Stadt ist. Aber Breslau geht auch mit dem Strom der Zeit. Am Stadtrand wurde die moderne Jahrhunderthalle gebaut, überall entstehen neue moderne Kaufhäuser, alle deutschen Handelsketten sind hier vertreten, und bis zum Jahr 2010 soll der futuristische Sky-Tower mit 250 Metern Höhe eines der höchsten Gebäude Europas entstehen, gesponsert von einem gebürtigen Breslauer Privatbanker, der zu den 50 reichsten Europäern zählt. Die aus der kommunistischen Zeit stammenden riesigen Plattenbauten sollen nach und nach verschwinden.

Rote Nelken für Ferdinand Lassalle

Bei einem Besuch des jüdischen Friedhofs in Breslau ließen es sich die Sozialdemokraten unter den niedersächsischen Parlamentarier nicht nehmen, am Grabe von Ferdinand Lassalle einen Strauß roter Nelken niederzulegen. Landtagspräsident a.D. Rolf Wernstedt erinnerte in einer kurzen Ansprache daran, dass der 1825 in Breslau geborene Lassalle, der 1859 an den bei einem Duell erlittenen Verletzungen gestorben war, der Gründer des ersten deutschen Arbeitervereins war. Von ehemals 30.000 Juden in Breslau leben hier heute noch etwa 300. Beim anschließenden Besuch des alten Rathauses erläuterte in Vertretung des Breslauer Oberbürgermeisters Dr. Maciej Kagiewski, der außerordentlich kenntnisreiche und eloquente Direktor aller Museen in Breslau, die Historie der Stadt in allen Einzelheiten und epischer Breite. In der aufgestellten „Ahnengalerie“ sah man unter den vielen Büsten auch die der in Breslau geborenen Nobelpreisträger Prof. Fritz Haber und Prof. Max Born. Dass Breslau auch ein großer Industriestandort ist, an dem sich viele große Weltfirmen bereits angesiedelt haben, konnte man bei einer Rundfahrt durch die Außenbezirke erkennen. Allerdings, noch mehr wird sicher das Verkehrschaos in den Straßen Breslaus in Erinnerung bleiben. Immer nur Stau, Stau, immer wieder Baustellen und Ampeln, und geduldiges Warten - mitten in der Stadt, keine Spur von grüner Welle oder breiten Umgehungsstraßen. Kein Wunder bei rund Autos, und es werden jeden Tag mehr.

Optimistische Studenten in der großen Universitätsstadt

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass Breslau auch eine große Universitätsstadt ist. Bei 640.000 Einwohnern gibt es 120.000 Studenten. Weil immer am 1. Oktober Semesterbeginn ist, „wimmelte“ es natürlich von Tausenden junger Leute in der Stadt. Sie bevölkerten besonders abends alle Cafes, Biergärten, Schänken und Restaurants. Und weil die Niedersachsen das große Glück hatten, bei ihrer Reise das schönste warme Spätsommerwetter zu erleben und bis Mitternacht draußen ihr Bier und Wein trinken zu können, erlebten sie eine ebenso friedliche wie zufriedene, ausgelassene aber doch nicht ausfallende, zuversichtliche, optimistische jugendliche Bevölkerung, wie man sie sich sicher auch gern bei uns zu Hause wünschte, wo in den Städten im allgemeinen beim Dunkelwerden „die Bürgersteige hochgeklappt“ werden. An zwei Abenden genossen viele Teilnehmer der Reisegruppe dieses abendliche, mitternächtliche „Schauspiel“. Am Abend des Abschieds von Breslau hatte es zuvor ein stilvolles gemeinsames Abendessen im seit Jahrhunderten berühmten „Schweidnitzer Keller“ im alten Rathaus von Breslau gegeben. Und weil ausgerechnet an diesem Tage der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen, Ulrich Biel, Geburtstag hatte und somit auch der Wodka floss, erreichte die Stimmung bald ihren Höhepunkt.

Reise in die Vergangenheit

Für zwei alte niedersächsische Parlamentarier war die Reise nach Schlesien von besonderer Bedeutung, für Udo Mientus, der 1942 in Oberschlesien geboren wurde, nach Flucht und Vertreibung im Landkreis Hannover landete und die alte Heimat schon mehrfach wieder besucht hatte. Besonders aber für die in Breslau geborene Brigitte Stoll. Als 17-jährige hatte sie 1944 mit Eltern und Geschwistern aus der Stadt fliehen müssen und in Ostfriedland eine neue Heimat gefunden. Bei der jetzigen Reise konnte sie ihr Elternhaus am Stadtrand von Breslau, das glücklicherweise im Krieg nicht zerstört worden war und inzwischen von polnischen Familien bewohnt wird, wieder besuchen und alte Erinnerungen aus der Kinder- und Jugendzeit auffrischen. Ihr kam besonders bei der Stadtrundfahrt alles noch so bekannt und vertraut vor          

Durch das Land in das Riesengebirge

Der 1. Oktober war dann Ausflugstag. Mit dem Bus ging es zum Nationalpark Riesengebirge, vorbei am weithin sichtbaren Zopten, Breslaus „Hausberg“, über Krummhübel, Schreiberhau nach Hirschberg, dem im letzten Krieg unzerstörten Städtchen am Fuße des Riesengebirges. Dann ging es weiter, immer bergauf in Richtung Schneekoppe. Je höher des Bus kam, desto schlechter wurde das bisher so schöne Herbstwetter. Auf rund 1000 Meter Höhe war Endstation. Bei starkem Regen und heftigen Windböen kämpfte sich die Reisegesellschaft zu Fuß mehrere hundert Meter hoch bis zur Stabkirche Wang, einem norwegischen Holzbau mitten im Gebirge. Das anschließende Mittagessen im rustikal-urigen Gasthof „Rübezahl“ entschädigte für die Mühen und die Unbilden des Wetters. Die Schneekoppe blieb indessen im Regen und Nebel verborgen.

An historischer Stätte in Kreisau

Die Fahrt ging weiter nach Kreisau. Dieser heute legendäre Ort gilt als Synonym für die bürgerlich-zivile Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“, die sich während des Nationalsozialismus mit Plänen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung Deutschlands und auch Europas nach dem angenommenen Zusammenbruch der Hitler-Diktatur befasste. Das mehrere Hektar große Rittergut hatte einst Generalfeldmarschall Helmut von Moltke für seine militärischen Verdienste in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bekommen. Es war bis 1945 Besitz der Adelsfamilie von Moltke. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs trafen sich hier Helmut James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck mit etwa 20 Gleichgesinnten. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde auch der „Kreisauer Kreis“ aufgedeckt. Viele Mitglieder wurden hingerichtet. Nach dem Krieg ließen die Polen die Anlage verfallen. Doch am 12. November 1989 trafen sich hier der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl zur Versöhnungsmesse. Damit wurde der Startschuss zur Sanierung und zum Ausbau des großen Anwesens als internationale Jugendbegegnungsstätte gegeben. Sie wurde 1998 als Diskussionsstätte für Fragen der Europa-Politik eröffnet. Heute ist Gut Kreisau gleichzeitig auch Museum und Gedenkstätte für den deutschen Widerstand.

Weltkulturerbe Friedenskirche Schweidnitz

Abschluss und Höhepunkt des Ausflugs bildete der Besuch von Schweidnitz mit der Friedenskirche, Europas größter Holzkirche und Weltkulturerbe der Unesco. Mitte des 17. Jahrhunderts war den Protestanten in Schlesien gestattet, an drei Orten eine Kirche zu bauen. Sie durfte nur als Holz sein, ohne Nägel und ohne Eisen, und musste innerhalb eines Jahres fertig sein. Die Schweidnitzer schafften das einmalige Werk und feierten im Dezember 1657 in der 7500 Plätze fassenden Kirche den ersten Gottesdienst. Nachdem der besonders nach dem Krieg sehr heruntergekommene Holzbau 2001 als Weltkulturerbe anerkannt worden war, wurde er vor allem mit Mitteln der Stiftung deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Deutschen Stiftung für Umweltschutz in Osnabrück und des Bundeswissenschaftsmini­steriums saniert und restauriert. Heute erstrahlt er als einzigartiges Denkmal deutscher Kirchengeschichte in altem Glanz.

Abschied von Breslau - Kommunalpolitik in der Grenzstadt Görlitz

Am 2. Oktober hieß es wieder Abschied nehmen von Breslau. Mit Sack und Pack ging es in den Bus und ab in Richtung Westen. In Bunzlau, dem bedeutenden Keramik-Zentrum Polens, wurde noch mal Halt gemacht. Besonders die Frauen kamen an den wunderschönen Vasen, Töpfen und sonstigen Keramik-Gegenständen nicht vorbei. Und die letzten Zlotys wurden auf den Kopf gekloppt.

Mittags ging es in Görlitz über die Neiße und über die Grenze, Deutschland hatte die niedersächsische Reisegruppe wieder. Und weil es keine Vergnügungsreise, sondern besonders für die Parlamentarier auch eine politische Reise war, statteten sie dem 52-jährigen Landrat Lange in Görlitz einen Besuch ab, um sich über die kommunalpolitische Situation einer Grenzstadt im äußersten Osten Deutschlands und der ehemaligen DDR zu informieren. Das Thema Kreisreform, das am 1. August 2008 im neuen Landkreis Görlitz mit den alten Landkreisen Niederschlesische Oberlausitz, Löbau-Zittau und der Stadt Görlitz und nunmehr rund 290.000 Einwohnern abgeschlossen wurde, kam den Niedersachsen sehr bekannt vor. Nicht vorstellbar war allerdings, dass ein Bundesland seit 1990 rund eine Million Einwohner „verloren“ hat, wegen Mangel an Arbeitsplätzen und wegen Mangel an Geburten. Im Kreis Görlitz gingen rund 40 Prozent der Bevölkerung verloren, die Hälfte aller Schulen musste geschlossen werden. Ein besonderes Problem von Görlitz ist die Grenzlage. Die Europa-Stadt ist geteilt: 56.000 Einwohner diesseits, 40.000 Einwohner jenseits der Neiße. Es werde viel über den Europa-Gedanken gesprochen, aber es gibt kein Europa-Programm, sagte Landrat Lange. So gebe es viele Probleme mit dem polnischen Stadtteil, wo Auflagen und Richtlinie der Europäischen Union kaum Beachtung finden und mit dem es wenig Austausch über wichtige Vorhaben gibt. Auch „innenpolitisch“ gibt es ungeahnte Probleme, zumal im Görlitzer Kreistag acht Parteien sitzen, darunter auf der einen Seite die Linken als zweitstärkste Gruppe mit 17 Sitzen nach der CDU mit 33 Mandaten und auf der anderen Seite die NPD mit fünf von insgesamt 92 Sitzen. Es sei außerordentlich schwierig, sich von den Extremisten links und rechts abzusetzen, meint der Landrat. „Wenn wir zu einer ökumenischen Andacht auf freiwilliger Basis einladen, kommt von der Linken der Einspruch, das sei mit der Unabhängigkeit des Staates von der Kirche nicht vereinbar.“ Ja, so ist das in der Politik in anderen deutschen Landen.

Nach der Stadtführung durch Görlitz, wo schon Napoleon, Zar Alexander I. und Goethe übernachteten, und wo die liebevoll sanierte, malerische Altstadt mit mehreren tausend denkmalgeschützten Bauten aus allen Epochen von der Spätgotik bis zur Gründerzeit und bis zum Jugendstil einen prächtigen Anblick boten, stand noch ein interessanter Punkt auf der Tagesordnung für die niedersächsische Reisegruppe. Der Herr Hansheinrich Schnorr von Carolsfeld, ein Adliger, der aus dem Westen auf sein altes, inzwischen saniertes Gut zurückgekehrt war, hatte nach Arnsdorf, etwa 17 Kilometer von Görlitz entfernt, eingeladen. Es war schon respektabel, wie der Herr Schnorr die ehemalige Orangerie im Schlosspark zu Arnsdorf zu einem Feriendomizil und Ausgangspunkt zur touristischen Erkundung der Oberlausitz ausgebaut hatte. Dabei vergaß der Gastgeber jedoch nicht, immer wieder auf die ungerechte Behandlung der Alt-Eigentümer beim Aufbau Ost hinzuweisen. Die Vertriebenen, die später ihr Gut zurückkaufen wollten, empfänden es als ungerecht, wenn es keine Entschädigung für ihr früheres Eigentum bei mehr als 90 Hektar gebe.

Beeindruckt in einem außergewöhnlichen Pfarrhof

Geradezu begeistert war die Reisegruppe dann, als sie vom jungen Pfarrer Fünfstück zur Besichtigung der alten Dorfkirche und seines außergewöhnlichen Pfarrhofes in Arnsdorf eingeladen wurde. Was dieser außerordentlich engagierte Kirchenmann mit vielen ebenso außergewöhnlichen Ideen, einschließlich eines wöchentlichen „Land-Kinos“ mit selbst hergestellten Filmen in der Kirche, auf die Beine gestellt und wie er seine Kirchengemeinde begeistert hat, war sehenswert und ein Beispiel erfolgreicher moderner Kirchenarbeit. Geradezu erfrischend war zum Abschluss die Einladung zum Abendessen mit selbst zusammengestellten Buffet im Pfarrhof, wo sich die Gemeindemitglieder rührend um die niedersächsischen Gäste kümmerten. In nächtlicher Fahrt ging es zurück nach Görlitz ins moderne Viersterne-Hotel Mercure, zum letzten Mal auf dieser Reise „in fremden Betten“.

Zu Fürst Pückler nach Muskau

Die Rückreise am 3. Oktober brachte noch einmal einen Höhepunkt und ein einmaliges Erlebnis. Von Görlitz ging es in aller Herrgottsfrüh schnurstracks nach Norden, an der Neiße entlang, bis nach Bad Muskau und hinein in einen der berühmtesten Parks Europas - in den Fürst-Pückler-Park. Was dieser Fürst, eine der schillerndsten Figuren seiner Zeit, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hier in der Oberlausitz geschaffen hat, ist einzigartig. Sowohl die Parkanlage selbst als auch die Bepflanzung mit Bäumen und Sträuchern aus aller Herren Länder, die der Fürst selbst bereist hat, sind eine Reise wert. Das riesige Areal, das zu etwa einem Viertel diesseits der Neiße auf deutschem Gebiet und zu dreiviertel jenseits der Neiße auf polnischem Gebiet, das problemlos betreten werden kann, liegt, macht zumindest auf deutscher Seite wieder einen außerordentlich gepflegten und überwältigenden Eindruck, seit es die Stiftung Pückler-Park übernommen und die Unesco zum Weltkulturerbe „Muskauer Park“ erklärt hat. Das Schloss und die übrigen Bauten, die lange Zeit im Dornröschenschlaf lagen und arg verkommen waren, sind restauriert und erstrahlen wieder in altem Glanz. Als die Fremdenführerin, eine seit 40 Jahren in Muskau tätige Lehrerin, zu Beginn erklärte, man müsse sich zur Besichtung auf mindestens zwei Stunden einrichten, war zunächst Skepsis angesagt. Doch nach den zwei Stunden, die bei strahlendem herbstlichen Sonnenschein, der natürlich alles noch mehr verklärte, wie im Fluge vergingen, herrschte ebenso großes Erstaunen wie Bewunderung ob dieses großartigen Erlebnisses.

Und dann ging es nach fünf Tagen wieder Richtung Heimat, über Cottbus - Berlin - Magdeburg - Braunschweig nach Hannover. Mit einem Rucksack voller Erlebnisse und Erfahrungen, Eindrücke und Begegnungen verließ die Reisegesellschaft der Niedersachsen den Bus, der ihr zur „zweiten Heimat“ geworden war und der sie dank der großartigen Fahrkunst seines umsichtigen, erfahrenen. immer die Ruhe bewahrenden Fahrers Dieter sicher und wohlbehalten durch so viele interessante Städte und Dörfer, über Autobahnen und Landstraßen und durch enge Gassen und dicksten Verkehr, auch durch viele Staus, kutschiert hatte.

Ulrich Biel, der Vorsitzende der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen, sagte in seiner Abschlussbilanz dieser Reise, das Ziel, Land und Leute in Schlesien näher kennen zu lernen, von kompetenten Gesprächspartnern Einblicke in die heutige Situation in Polen zu bekommen und viele Gespräche untereinander zu führen und Gedanken auszutauschen, sei voll erreicht worden. Wenn man Polen und Deutschland vergleiche, müsse man feststellen, dass sich die Polen lange Zeit mit der Vergangenheit beschäftigt haben, dass in letzter Zeit jedoch erfreulicherweise mit der Wende eine Wende in diesem Land auch im Verhältnis zu

Deutschland eingetreten ist. In Deutschland seien längst die Nachkriegsverhältnisse Normalität geworden, die Menschen lebten in der Gegenwart. Umso wichtiger und interessanter sei eine solche Reise in ein ehemals deutsches Gebiet. Biel bewertete es auch als großartige Gelegenheit, dass niedersächsische Parlamentarier der verschiedensten Fraktionen, die früher im Landtag politisch heftig gestritten haben und, sofern sie noch aktiv sind, es auch heute noch tun, bei einer solchen Reise „keine Parteien mehr kennen“, sondern im harmonischen Miteinander ihre Gedanken austauschen und Freundschaften schließen. Für das gute gelingen dieser Reise dankte er besonders Sabine Sonntag, die es nicht einfach gehabt habe, mit Individualisten wie Abgeordneten und ihren Sonderwünschen fertig zu werden. Mit ihrer Ruhe und Übersicht hätte sie auch Politikerin werden können, meinte Ulrich Biel. Er Dankte auch Udo Mientus, der diese Reise perfekt vorbereitet und organisiert hatte, und machte den Oberschlesier jetzt auch noch zum Niederschlesier. Ein Dank und große Anerkennung aller Teilnehmer gehörten natürlich auch dem Busfahrer.

Die Teilnehmer der Reise waren sich einig, es war wieder eine interessante, erlebnisreiche, informative und auch gesellige, harmonische Fahrt der Parlamentarischen Vereinigung Niedersachsen mit vielen neuen Eindrücken und sicher auch neuem geschichtlichen Verständnis. Es war eine Fahrt in eine andere Zeit und in ein Land, das für meisten geographisches und geschichtliches Neuland war, für einige auch Wiedersehen und Erinnerung. Für alle Mitreisenden wird die Reise sicher nicht vergessen werden.